Meine Katze leckte sich kahl - Was Hannahs Leckalopezie mich wirklich gelehrt hat
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Moment, als mir auffiel, dass Hannahs Bauch immer kahler wurde. Sie war gerade mal 3 Jahre alt, jung, aktiv und verhielt sich eigentlich wie immer. Trotzdem hatte ich beim Anblick ihres lichter werdenden Bauchfells dieses Gefühl: Irgendwas stimmt hier nicht.

Am Anfang, wo mir das Ganze auffiel, wurde ich noch von meinem Umfeld mit den Worten „Das wird wieder" oder „Mach dir nicht so viele Gedanken“ beruhigt. Ich hätte wirklich gern geglaubt, dass alle anderen recht haben. Jedoch wurde aus etwas häufigerem Putzen irgendwann so viel Belecken, dass Hannah sich ihren Bauch regelrecht rasierte und die Haut darunter sichtbar wurde.

Damit begann eine Suche, die mich viel länger beschäftigte, als ich damals gedacht hätte...
Natürlich bin ich zum Tirarzt gegangen und habe meine Sorgen ausgesprochen. Seie erste Vermutung war eine Futtermittelallergie. Also stellte ich das Futter um, machte mehrere Monate eine Ausschlussdiät mit einer Fleischsorte, die sie noch nie hatte... wartete und hoffte. Es folgten weitere Untersuchungen, weil sich nichts besserte. Ich wechselte meinen Tierarzt, weil ich mit meinen Fragen nicht mehr ernst genommen wurde und verbrachte unzählige Stunden mit Recherche im Internet.
Irgendwann war ich so tief im Thema Katzenernährung, dass ich selbst eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin für Katzen begann. Eine weitere Futterumstellung und Ergänzungen brachten tatsächlich eine Verbesserung. Hannah leckte weniger. Aber wirklich verschwunden war das Problem trotzdem nicht.
Ich durchforstete Foren, Websites, Instagram und kam auf immer mehr Empfehlungen, was ich untersuchen könnte. Und genau an diesem Punkt passiert etwas, das viele Katzeneltern wahrscheinlich kennen: Du bekommst eine neue mögliche Erklärung und denkst jedes Mal: „Okay. DAS ist es jetzt.“
Bei meiner neuen Tierärztin ließ ich einen Blut- und Urin-Test machen. Siehe da: eine heftige Blasenentzündung... Monatelange Therapie mit Antibiotika, Ergänzungen und Kortison, aber ihre Werte verbesserten sich einfach nicht und ich wusste einfach nicht mehr weiter. Mein Trost war, wie wahrscheinlich auch bei dir die Recherche.
Und hier bin ich durch Zufall auf die Zahnerkrankung FORL gestoßen. Feline Odontoklastische Resorptive Läsionen (Abkürzung FORL) ist eine Zahnkrankheit, bei der sich der Zahn sowie Wurzel auflösen und unvorstellbare Schmerzen auslösen. Fast jede 3. Katze ist hiervon betroffen. In meinem Kopf machte es aber nicht Alarm, denn die aufgezählten Symptome, wie extremer Mundgeruch, gerötetes Zahnfleisch oder verändertes verhalten beim Fressen passten nicht auf meine Hannah.
Trotzdem sagte mein Bauch, dass ich der Sache nachgehen sollte.
Daher bat ich meine Tierärztin trotz Hannahs strahlendweißer Zähne um ein Dentalröntgen. Das Ergebnis hat mich damals ziemlich umgehauen: Hannah hatte tatsächlich trotz fehlender Symptome ganz klar FORL. Ganze neun Backenzähne mussten entfernt werden...
Danach ging es ihr tatsächlich besser und das Fell wuchs teilweise wieder nach.

Ich war überzeugt, dass wir endlich am Ziel waren.
Bis Hannah wieder anfing zu lecken...
Wenn eine Katze sich kahl leckt, kann Google ziemlich schnell verwirren
Wenn du selbst gerade „Katze leckt sich kahl“ oder „Leckalopezie Katze“ bei Google eingegeben hast, hast du wahrscheinlich schon einiges gelesen.
Mal ist es Stress. Mal eine Allergie. Dann tauchen Parasiten, Schmerzen, Hauterkrankungen, Langeweile oder „psychogene Alopezie“ auf. Und dann sitzt du sicherlich, wie ich damals da und denkst: Ja super und was davon hat jetzt MEINE Katze?
Genau hier hilft mir heute eine Unterscheidung, die ich damals gern früher gewusst hätte: Alopezie beschreibt erstmal den Haarverlust. Sie erklärt aber nicht die Ursache.
Das bedeutet, bei Katzen kann Fell aus ganz unterschiedlichen Gründen ausfallen oder weggeleckt werden. Manchmal liegt eine Erkrankung der Haut oder der Haare selbst dahinter. Sehr häufig entsteht eine kahle Stelle aber auch dadurch, dass die Katze sich wegen Juckreiz oder Schmerzen immer wieder in bestimmten Bereichen leckt. Allergien, Parasiten oder Hauterkrankungen gehören deshalb zu den Dingen, die tierärztlich mitgedacht werden sollten. (Kleiner Tipp: Bitte nutze hier die Allergietest, die über das Blut bestimmt werden). Katzen können Juckreiz außerdem erstaunlich gut verstecken, sodass man als Mensch manchmal erst das kahle Fell bemerkt, weil die Katze sich nicht immer an der Stelle kratzt, sondern sich eben beleckt.
Und dann gibt es noch den Bereich, bei dem es schnell kompliziert wird und den (leider) die Tierärzte so schnell abwinken: Dann hat sie einfach Stress.

Aber was so leicht dahingesagt ist, ist in Wahrheit ein hochkomplexer Fall, der mir NIE erklärt wurde. Deshalb teile ich das hier mit dir.
Was das Nervensystem mit dem Ganzen zu tun hat
Was ich damals überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, ist, dass das Nervensystem bei allem mitspielt.
Wenn also deine Katze Schmerzen hat, sich erschreckt, Konflikte erlebt oder über längere Zeit angespannt ist, reagiert ihr Körper darauf. Das Stresssystem (Sympathikus) wird aktiviert. Das beeinflussen dann auch nicht nur Verhalten, sondern wirkt sich auch auf den ganzen Organismus aus.
Deshalb finde ich diese klare Trennung in „körperlich“ oder „psychisch“ inzwischen so schwierig.
Denn das Ding ist: Der Körper trennt das nämlich nicht so sauber.
Schmerz kann Stress auslösen. Dauerhafte Anspannung kann wiederum beeinflussen, wie empfindlich eine Katze auf Reize reagiert, wie gut sie zur Ruhe kommt, wie sie frisst und wie sie sich verhält. DAs bedeutet, dass die körperliche und emotionale Gesundheit bei Katzen eng zusammenhängt und oft gleichzeitig zum bestimmten Verhalten beitragen.

Bei Hannah wurde mir das irgendwann sehr deutlich.
Sie konnte mitten im Spiel plötzlich abbrechen, sich kurz am Kopf kratzen und danach hektisch anfangen, sich zu putzen. Sie war inzwischen deutlich reizbarer und unruhiger.
Für mich war dann irgendwann der Punkt erreicht, wo alles Sinn ergab: Ich musste aufhören, jeden Bereich einzeln zu betrachten.
Bei Hannah war es dann kein einzelnes Puzzleteil mehr
Da Hannah bei uns ein Nachzügler war und sie sich als dritte Katze, wie das fünfte Rad am Wagen fühlte, spielten wir mir einem weiteren Gedanken (den ich heute, wenn ich zurückblicke, niemandem empfehle): eine weitere Katze dazuholen, die genauso aktiv und verrückt war, wie Hannah.
Ich besprach die ganze Situation mit Freunden, Tierärzten und las in Foren, dass sich so die Situation bei ihnen zu Hause gelegt hatte. Somit fiel nach vielen Gesprächen mit ein paar Tierheimen aus der Umgebung die finale Entscheidung.
Einige Monate später zog ein weiterer Kater bei uns ein - Robbie. Die Zusammenführung war, freundlich gesagt, ziemlich schwierig. Ich hatte in meiner Arbeit bereits einige Vergesellschaftungen beraten, aber meine eigene raubte mir den Verstand. Es gab große Spannungen zwischen den Katzen und viel Unruhe. Irgendwann eskalierte Hannahs Lecken erneut. Diesmal rasierte sie ihr Fell an Bauch, Beinen und Innenarmen.

Wenn ich das schreibe, kommen in mir unglaublich viele Schuldgefühle eine große Scham, dass wir den Schritt damals so taten.
Ich muss hier aber zugeben, dass man einfach irgendwann so verzweifelt ist, dass man jede Option ausprobieren möchte, nur damit sie sich nicht mehr leckt.
Ich habe in dieser Zeit wirklich oft geweint, weil ich mir unglaublich große Sorgen um Hannah machte, aber den neuen Kater auch nicht wieder ins Tierheim zurückgeben wollte.
Dazu kam dieses richtig unangenehme Gefühl, als frische "Katzenexpertin" ausgerechnet bei der eigenen Katze zu versagen.

Also schaute ich noch genauer hin. Irgendwann viel zu genau.
Ich beobachtete Putzen, Verhalten und jede kleine Veränderung und merkte gar nicht, wie sehr die ganze Geschichte inzwischen auch meinen eigenen Alltag bestimmte. Je mehr ich versuchte, die eine richtige Antwort zu finden, desto unsicherer wurde ich. Das ging auch so weit, dass ich kaum noch geschlafen hatte und auch meine Beziehung zu meinem Partner immer schwieriger wurde.
Und dann (endlich) sprang ich über meinen großen Stolz alles allein hinkriegen zu müssen und holte mir Unterstützung für Hannahs Verhalten und gleichzeitig auch für mich selbst. Rückblickend war genau das der entscheidender Punkt, der heute meine Arbeit prägt.
Denn bei Hannah gab es irgendwann keinen einzelnen Moment mehr, bei dem ich sagen konnte:
Hier ist DIE Ursache. Da waren:
ihre FORL-Erkrankung,
ihre Blasenentzündung,
Veränderungen im Mehrkatzenhaushalt,
Anspannung im Alltag,
und irgendwann auch ich, die bei jedem Lecken innerlich sofort auf Alarm ging.
Das bedeutet natürlich nicht, dass nur meine Angst Hannahs Leckalopezie verursacht hat.
Es geht darum, dass Katzen immer in Symbiose mit uns zusammenleben. Wir reagieren immer aufeinander, ob bewusst oder unterbewusst. Und sobald ich begonnen habe, diese verschiedenen Ebenen gemeinsam anzuschauen, ergab vieles plötzlich viel mehr Sinn.
Hannah hatte nach all den ganzen Erlebnissen, Schmerzen und Stresssituationen keine Möglichkeit mehr sich selbst zu regulieren.
Was ich heute bei einer Katze mit Leckalopezie anders mache

Heute würde ich viel weniger mit der Frage beginnen: „Wie kriegen wir das Lecken weg?“
Meine erste Frage wäre eher: „WARUM leckt sie sich überhaupt?“
Natürlich gehört die medizinische Abklärung dazu. Gerade bei deutlichem Haarverlust, Juckreiz, Hautveränderungen oder Schmerzen sollte eine Katze tierärztlich untersucht werden.
Wenn dort bereits viel abgeklärt wurde, beginne ich größer zu denken.
Mich interessiert dann:
wann das Verhalten auftritt,
wie sich der Alltag verändert hat,
welche Situationen die Katze stärker belasten
wie gut sie nach Aufregung wieder in ihren normalen Rhythmus findet
und auch wie der Mensch auf die Situation reagiert.
Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, was passiert, wenn man monatelang versucht, seiner Katze zu helfen.
Man wird aufmerksamer. Dann noch aufmerksamer... und irgendwann ist der eigene Kopf gefühlt rund um die Uhr on.
Genau das ist der Punkt, an dem man manchmal jemanden braucht, der sich daneben setzt und sagt:
„Wir schauen uns jetzt mal das ganze Bild an. Und was macht das mittlerweile mit dir?“
Genau aus dieser Kombi ist meine heutige Arbeitsweise entstanden
Hannah hat meinen Blick auf Katzen wahrscheinlich stärker verändert als jede Ausbildung, die ich hätte machen können.
Heute will ich mit meinen Katzeneltern zuerst verstehen, welche Puzzleteile überhaupt auf dem Tisch liegen und wie sie zusammengehören könnten. Manche davon gehören nämlich zum Körper, andere zum Alltag, zum Nervensystem oder zu der Beziehung zu dir.

Manchmal ist die wichtigste Erkenntnis erstmal ziemlich unspektakulär, aber so befreiend. Wenn du endlich sagen kannst:
„Jetzt verstehe ich wenigstens, was hier überhaupt zusammenspielt.“
Von dort aus kann man nämlich viel sinnvoller entscheiden, was gerade wirklich Aufmerksamkeit braucht, nicht mehr blind Rumprobieren und auch mal Abwarten können, OHNE etwas tun zu müssen.
Denn genau das hat mir damals gefehlt.
Ich brauchte keine weiteren Informationen, sondern das Verständnis für das Ganze. Und damit meine ich auch mein eigenes Nervensystem bei allem.
Was Hannah mir am Ende wirklich beigebracht hat
Hannahs Geschichte hat meinen Blick auf Katzen und ehrlich gesagt auch meinen Blick auf mich selbst komplett verändert.
Ich habe gelernt, wie schnell aus Sorge Kontrolle werden kann. Wie schnell man seine Katze irgendwann fast nur noch durch ihr Problem sieht und wie viel sich verändern kann, wenn man langsam wieder beginnt, die ganze Katze zu sehen.

Heute kenne ich Hannah so viel besser als damals.
Und genauso wichtig: Ich vertraue meiner eigenen Wahrnehmung wieder.
Natürlich gibt es bei uns weiterhin Tage, an denen irgendeine Katze etwas Seltsames macht (das bleibt bei Katzen nicht aus). Der Unterschied ist aber, was danach in meinem Kopf passiert.
Dieses permanente „Oh Gott, was ist jetzt schon wieder? Was gebe ich jetzt bei Google ein?“ ist nicht mehr in meinem Kopf.
Viel häufiger kommt inzwischen:
„Ahhh… okay. Jetzt verstehe ich dich.“
Und genau das wünsche ich auch anderen Katzeneltern.
Dass die Katze irgendwann wieder mehr Katze sein darf und weniger zu einem Problem wird, das rund um die Uhr gelöst werden muss.
Für mich ist genau das heute Katzenfreude.
Denn ich bringe dich und deine Katze wieder zusammen, sodass ihr euch wieder blind verstehen könnt.
Wenn deine Katze sich ebenfalls kahl leckt

Wenn ihr schon viel untersucht habt und du trotzdem das Gefühl hast nicht das große Ganz zu erkennen. Dann kann ich dir hier den Weg weisen.
Genau dabei begleite ich Katzeneltern: Wir schauen gemeinsam auf eure Geschichte und darauf, was bei euch wirklich zusammenhängt.
Damit aus „Was übersehe ich noch?“ irgendwann „Ahhh… okay. Jetzt verstehe ich dich.“ wird.

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